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… und was machen Sie beruflich?

18. Oktober 2020 by Gerd Normann

Hallo,

dass ich hier jetzt anfange, einen Blog zu schreiben, mache ich nicht aus übersteigertem Geltungsbedürfnis oder Geschäftsinteresse, sondern aus Notwehr. Ich habe auch höchsten ein- oder zweimal in einen Blog reingelesen. Ein Blog gehört für mich zu der großen Blase aufgeblähter digitaler Plattformen wie Facebook und Twitter, die die Meinungen von Selbstdarstellern jedweder Couleur mit scheinbarer Öffentlichkeit auf Bedeutung trimmen.

Es gibt 2 Gründe weshalb ich jetzt doch einen Blog schreibe und die oben erwähnte Notwehr spielt in jeden mit rein.

Ich gehöre zu den etwa 2 Millionen Freiberuflern und Soloselbstständigen, die im Zuge der Coronapandemie bemerken mussten, dass sie in der Politik keine Lobby haben. Künstler werden, ohne mit der Wimper zu zucken in den Ruin oder in Hartz 4 abgeschoben. Die Arbeit der Künstler wird offensichtlich in den Entscheidungsgremien geringgeschätzt. Wie häufig hört man als Künstler nach einem zweistündigen Auftritt „… und was machen Sie beruflich?“ Besteht man darauf, dass das, was sie gerade auf der Bühne erlebt haben, der Beruf ist, erntet man ein mitleidiges Lächeln.

Ich bezeichne mich als Bühnenkünstler, wobei ich Jahrzehnte benötigt habe, um mich überhaupt als Künstler einzuordnen. Ich war berufsbegleitend tätig und erst nachdem ich in meinem „Hobby“ mehr Einkommen hatte, als in meinem „Beruf“ habe ich mich getraut, die Berufsbezeichnung „Künstler“ für mich zu akquirieren. Doch wohl war mir dabei nicht, denn ich war ja „nur“ Kleinkünstler. Also war ich wieder raus. Denn Kleinkünstler sind Faxenmacher, Witzeerzähler, Kabarettisten, Comedians oder Puppenspieler. Narren am Hof des Königs und von seinem Großmut abhängig. Das scheint in vielen Köpfen auch im 21ten Jahrhundert noch herum zu spuken. Dieser Blog soll zeigen, wie die professionelle Arbeit eines Kleinkünstlers aussieht, mit welchen Widrigkeiten er zu kämpfen hat und weshalb es trotzdem der schönste Job auf der Welt ist.

Der zweite Grund, weshalb ich diesen Blog schreibe, ist das Buch, das ich gerade gelesen habe. Der Tastenficker von Flake. Wem das jetzt nichts sagt, dem sei gesagt, das Flake der Keyboarder der deutschen Band Rammstein ist. Was das bedeutet, kann sich jeder ergoogeln. Nach anfänglicher Abneigung ist mir Flake nach etwa 60 Seiten sehr sympathisch geworden. Ich habe das Buch verschlungen. An einer Stelle schreibt er, dass er keine Westler mag, keine Kabarettisten und keine Liegeradfahrer. An anderer Stelle schreibt er, wie toll er Max Goldt und Helge Schneider findet. Die beides Musiker sind wie er, aber Westler und … auch wenn jetzt viele aufschreien werden … die auch kabarettistische bzw. kleinkünstlerische Einflüsse haben. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass selbst Flake kleinkünstlerisch-kabarettistische Einflüsse hat, dass er mit Texten und Musik eine Aussage treffen möchte. Vielleicht eine gesellschaftlich relevante oder eben nicht. Ich halte nichts von diesen Einteilungen der Bühnenkünstler in Musiker, Kabarettisten, Puppenspieler, Comedians o.ä. Jede einzelne dieser Personen betätigt sich künstlerisch. Meine Einteilung sieht anders aus. Ich teile es ein in gute und schlechte Bühnenkünstler. Flake hat wahrscheinlich einfach ein paar schlechte Bühnenkünstler gesehen, die sich als Kabarettisten ausgaben. Oder er hat welche gesehen, die wie er vor 30 Jahren, noch nicht so weit waren, um sich auf der Bühne richtig auszudrücken. Vielleicht sind die mittlerweile Topstars wie Helge Schneider.

Auch meine Anfänge waren eher schlecht als irgendwas anderes. Mittlerweile schreibe ich mindestens ein Programm im Jahr, bin als Regisseur und Texter für andere Künstler tätig. Schreibe Bücher, mache Musik, leite eine Künstlervermittlung und veranstalte Shows.

 

Dieser Blog ist der Versuch dem Beruf des Künstlers, in meinem Fall des Bühnenkünstlers, mehr Akzeptanz und Anerkennung zu verleihen. Ich werde in regelmäßigen Abständen von Auftritten, Proben, Textherstellung und Orientierungslosigkeit berichten. Ob diese Berichte dann auch gelesen werden, sei dahingestellt. Dann ist es kein Blog, sondern ein Tagebuch. Aber wie schon gesagt, ich halte nichts von irgendwelchen starren Einteilungen.


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