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Politik und Kultur

27. Oktober 2020 by Gerd Normann

Die Überschrift lässt vermuten, dass ich erneut nicht dazu komme zu beschreiben, wie meine Arbeit als Künstler aussieht. Damit sich das nicht einspielt, werde ich jetzt aus Trotz doch damit beginnen und lass die Überschrift mal so stehen … als Drohung oder Warnung. So, woran arbeite ich gerade, außer am Blog. Heute habe ich als Optiker gearbeitet, damit ich meine Miete bezahlen kann und mein Auto, das ich für Auftritte brauche, damit ich etwas zu essen kaufen kann und … na ja, Lebens- und Betriebskosten eben … die gehen halt ineinander über.

Künstlerisch bin ich momentan unter anderem als Regisseur und Texter für das neue Programm von Lina Lärche tätig. Anfang Februar findet im Theater die Wabe in Berlin die Premiere statt und bis dahin gibt es noch einiges zu tun, denn die ersten Vorpremieren gehen bereits im Dezember über die Bühne. Da viel mit Kostümen, Liedern und Tanz gearbeitet wird, rechnen wir normalerweise mit insgesamt 1-1,5 Jahren Produktionszeit. Durch den plötzlichen Lockdown im März hatten wir plötzlich viel Zeit, so dass wir schon recht weit sind. 11 Lieder sind fertiggestellt, wobei es sich um 5 mit neuem Text versehene Coversongs und 6 komplett aus der eigenen Feder stammende Lieder handelt. Die Lieder entstehen etwa folgendermaßen. Die Künstlerin hat eine Grundidee, wie z.B. ein bestimmtes Thema, das sie gerne im Programm hätte oder eine Melodielinie. Ist es ein Thema setzte ich mich hin und versuche einen Text zu schreiben. Das klappt manchmal sehr schnell und manchmal sehr langsam. Ist die zündende Idee sofort da, geht es sehr schnell. Muss man sich die zündende Idee erschreiben, dauert es länger. Ist der Text einmal da, geht die Künstlerin damit zu ihrem Pianisten und dort entsteht die Musik dazu. In 9 von 10 Fällen muss der Text dann noch einmal nachgearbeitet werden. Gestern Morgen haben wir dann erst geprobt und einige Moderationen mussten gekürzt werden, damit sie knackiger und lustiger rüberkommen. Bei den Moderationen gehe ich meistens so vor, dass ich eine kleine Geschichte oder ein Bonmont erzähle … am besten etwas selbst erlebtes, da man das dann auch mit der nötigen Inbrunst erzählen kann. Danach werden überflüssige Bemerkungen gestrichen, so dass die Geschichte logisch und gleichzeitig lebhaft und humorig rüberkommt. Am besten sind dabei die Geschichten, die man so erzählen kann, als seien sie einem gerade auf der Bühne eingefallen. Danach musste Frau Lärche Material für ihren Tanz und die Garderobe besorgen und ich habe noch den Text eines Liedes umgeschrieben, das eine thematisch andere Richtung bekommen sollte, damit es sich logisch in die Dramaturgie und die Rahmengeschichte einpflegt. Nachdem ich zu Abendbrot gegessen hatte, habr ich dann selbst geprobt. Ich habe mich überreden lassen, innerhalb von 2 Monaten ein Nikolausprogramm auf die Beine zu stellen. Eigentlich ziemlich bescheuert, aber ich hatte gedacht, ich hätte schon einige Szenen, da der Nikolaus auf dem Nikolaus beruht, den ich bei unserem Weihnachtsprogramm mit den Twersbraken spiele. Hier mal ein kleiner Ausschnitt zur allgemeinen Belustigung.

Leider habe ich bemerkt, dass ich doch nicht so viel von dieser Figur nutzen kann. Außerdem kommen, wenn ich mich mit dem Thema beschäftige, natürlich einige neue Ideen. Das heißt, plötzlich sitze ich da und schreibe … und dann habe ich doch wieder ein neues Programm, muss intensiv proben und … weiß nicht, ob die Veranstaltung überhaupt stattfinden wird. Dann muss ich mir sagen „nächstes Jahr ist wieder Nikolaus!“ … falls es keinen Lockdown gibt. So, jetzt habt ihr mal so ungefähre Vorstellungen von meinem Tagesablauf.

Wenn ihr jetzt vielleicht irgendwelche Politiker oder Beamte kennt, die Entscheidungen treffen, die uns Künstler und unsere Arbeit direkt beeinflussen, dann schickt ihnen doch mal einen Link. Ich denke, dass einige dieser Herrschaften sich das anschauen werden und denken „Joh, das ist ja schon fast ein ganzer Tag!“. Stimmt, dass ist so mein durchschnittliches Pensum. Mit Auftrittsakquise und Werbung, Plakate herstellen, Filmaufnahmen schneiden etc. kommt noch einiges dazu. Ich mache eigentlich alles selbst, weil ich weiß, dass ich mich auf den Typ verlassen kann. Der wird meistens rechtzeitig fertig. Würde ich dafür Leute bezahlen müssen … na ja, ihr wisst schon … Jetzt habe ich allerdings in den letzten Monaten das Gefühl, dass Politiker oder hohe Beamte die Arbeit eines Künstlers nicht schätzen („sind eh alles Linke!“) oder gar nicht wissen, dass hinter einem Bühnenauftritt auch viel Arbeit steckt. Politiker in Kabarettveranstaltungen sind ein seltenes Ereignis. Meistens erscheinen sie eh nur, wenn auch Kameras da sind, die sie bei jedem verordneten Lacher gut ausgeleuchtet einblenden können. So wird dem Wahlvolk suggeriert „er oder sie kann mit Kritik umgehen“, „hat Humor“, „unterstützt die Kultur“, „kann über sich selbst lachen“. Die Ausschnitte, die erkennen lassen „hat die Pointe nicht verstanden!“ werden nicht gesendet. In erster Linie interessieren sie sich nicht für diese Kunstform, da sie Kritik äußert, sich satirisch mit ihnen beschäftigt und nicht die anscheinend von ihnen erwartete Demut vor ihnen zeigt.

Wenn man sich jetzt noch einmal das Handeln der Politik während des Lockdowns vor 6 Monaten in Erinnerung ruft, dann wirkt das leider wie ein kleiner Rachefeldzug. Es wurden öffentlich Versprechungen gemacht, die im Stillen wieder einkassiert wurden. 50 Milliarden wurden versprochen, aber nur etwa ein Drittel freigegeben. Das hatte zur Folge, dass viele der Soloselbstständigen in Hartz 4 gedrängt wurden. Da sollte dann 6 Monate lang keine Vermögensprüfung stattfinden, jedoch wurde in einigen Ländern eine kleinkrämerische Prüfung eingeführt, die dazu führte, dass viele ihre Altersvorsorge aufbrauchen mussten. Es wurde von einer vereinfachten Prüfung gesprochen, die dann etwa 100 Seiten benötigte, um noch mit nachfolgenden Prüfungen und erforderlichen Nachweisen drohte.

Für mich sieht das leider aus wie die beleidigte Retourkutsche einiger humorloser Paragraphenreiter. Gerne würde ich mich vom Gegenteil überzeugen lassen. Ich wäre gesprächsbereit. Ich würde auch zu denen hinfahren. Und die Fahrtkosten natürlich aus meiner Altersvorsorge bestreiten. Ach, da fällt mir ein … die habe ich ja aufgebraucht. Aber Alter wird ja auch überbewertet und wir wollen die Rentenkasse nicht zu sehr belasten. Damit die die Statistik stimmt.

In diesem Sinne werde ich morgen den halben Tag Brillen verkaufen und den restlichen Tag mit Proben, Schreiben und sonstigem Bürokram bestreiten. Oder ich fahr mal zu Herr Altmeier … da komm ich mit der BVG hin … und wenn ich schwarz fahre, belaste ich meine Altersvorsorge nicht. Und wenn ich dann bei ihm bin, werde ich ihm beweisen, dass Künstler auch humorlos sein können.


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