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Die Spaßpolitiker

1. November 2020 by Gerd Normann

Ich habe mich radikalisiert. Also, für meine Verhältnisse schon ganz schön heftig. Ich würde mich mal als gemäßigt politisch interessiert bezeichnen. Vor 30 Jahren hatte ich den Anspruch politischer Kabarettist zu werden, mich dann aber tagtäglich an Helmut Kohl, Manfred Kanter oder Theo Weigel abzuarbeiten erschien mir keine erstrebenswerte und unterhaltsame Beschäftigung zu sein, um ausgeglichen durchs Leben zu gehen. Nach einer längeren Pause bin ich dann Ehekabarettist geworden. Die tagtäglichen Streitereien eines etwas zu lange verheirateten Paares sind mein Thema geworden. Innerhalb der Figuren lasse ich dann aber auch schon mal eine eher anarchistisch geprägte politische Einstellung durchsickern, die immer auf sehr viel Gegenliebe beim Publikum stößt. Um eingefahrene Strukturen aufzubrechen reicht manchmal ein einziges, im richtigen Moment ausgesprochenes  Wort: Nein!

So wie es jetzt aussieht haben meine Figuren mich radikalisiert. Sie ließen sich einfach nicht mehr alles gefallen. Und nachdem ich jetzt als Bühnenkünstler mit einem Auftrittsbann belegt worden bin, habe ich gesagt: Nein, hier hört der Spaß auf.

Der Filmemacher Dietrich Brüggemann schrieb als Reaktion auf den neuerlichen Lockdown eine sehr schöne Abrechnung mit den politisch Verantwortlichen. Er meinte, dass trotz funktionierenden Hygienekonzepten alles was Spaß macht, geschlossen wird. Restaurants, Theater, Kinos, Konzerte, Museen. Der Friseurbesuch ist weiterhin erlaubt. Also wäre es theoretisch möglich, zusammen mit seinem Friseur ins Museum zu gehen und sich dort von ihm die Haare schneiden zu lassen. Ich stelle mir vor aufzutreten und vor mir sitzen 100 Leute, die sich gerade mit Inbrunst ondulieren lassen. Auch wenn einem der Spaß verboten worden ist, darf man sich den Spaß nicht nehmen lassen.  

Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien hat ihr Abitur 1981 am bischöflichen Mädchengymnasium in Münster abgelegt. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Politikwissenschaft war sie für die Öffentlichkeitsarbeit der Oper Bonn verantwortlich, von wo aus sie ins Museum für Verkehr und Technik nach Berlin wechselte. Ich glaube, dass Frau Grütters eine andere Vorstellung von Spaß hat als ich. Ich habe mir gerade nochmal ein Interview angeschaut, das Monika Grütters am 30.4.2020 dem Fernsehsender Phoenix gab. Dort wurde sie gefragt, wie schlimm die Coronafolgen für Künstler und die Kulturlandschaft in Deutschland sind. Ihre Antwort kann man mit dem Wort „sehr“ kompakt zusammenfassen. Dann redete sie über Opernhäuser und Orchesterbetreiber. Sie redete über feste Ensembles an Staatstheatern. Sie hat mit der Opernkonferenz gesprochen und dem deutschen Bühnenverein und den Konzerthäusern. Und ich will ihr den Willen einen Rettungsschirm für die Kulturbranche, also auch für Freiberufler und Soloselbstständige, zur Verfügung zu stellen gar nicht in Abrede stellen, auch wenn bisher eben noch nicht so viel passiert ist. Aber kann sie sich vorstellen, was es bedeutet, wenn einem nicht nur die Arbeit, sondern auch der Spaß verboten wird?

Ich bin 2 Jahre älter als Monika Grütters. Als sie im bischöflichen Mädchengymnasium lebte, habe ich die Hälfte meiner Zeit vor und hinter diversen Theken verbracht. Dazwischen haben wir uns schräge Geschichten ausgedacht, die wir sofort umgesetzt haben. Wir sind als Nashörner verkleidet im Wald rumgelaufen und haben Daktari nachgespielt. Wir haben 1978 den kompletten Fernsehtag eines x-beliebigen Samstags in Super 8 nachgedreht. Leider sind die Filmrollen verschollen und es gab noch kein You-Tube, wo man es hätte hochladen können. Ich kann jede einzelne Szene noch nachsprechen, so einen Spaß hatten wir dabei. Da habe ich mehr gelernt, als in allen Schulen zusammen, in denen ich meine Zeit abgesessen habe.  

Wenn es keinen Spaß mehr gibt, verarmt die Gesellschaft. In Schulen werden Theater-AG´s gestrichen. Die Kinder werden auf Karriere getrimmt. Auch von den Eltern. Sie sollen Klavier spielen lernen, damit sich viele Synapsen im Gehirn bilden, um später multitaskingfähig zu sein. Nicht um damit Menschen unterhalten zu wollen. Das ist dann brotlose Kunst. Manche dieser zum Klavierspielen genötigten Kinder sitzen jetzt vor den Spätis und nutzen ihre Multitaskingfähigkeit dazu, möglichst viele unterschiedliche Getränke gleichzeitig in sich hineinzuschütten und empfinden sehr viel Spaß dabei. Was für eine Enttäuschung für die Eltern.  

In dem oben erwähnten Interview sagt Frau Grütters auch folgenden Satz: „… das gilt für alle Künstler und Kreative, die in der Regel ja in bescheidenen Verhältnissen leben.“ Heißt: die sind es ja gewohnt keine Kohle zu haben. Das sind Lebenskünstler, die kommen schon wieder auf die Beine.

Ein Land, das so mit seinen Künstlern umgeht, hat sie eigentlich gar nicht verdient. In vielen Ländern sind in den letzten Jahren Komiker mit großem Erfolg in die Politik gegangen. Peppe Grillo in Italien, Wolodymyr Selensky in der Ukraine, Jon Gnarrs in Island, Marjan Sares in Slowenien, Kim Jong … das war ein Spaß … kann man aber auch als Drohung verstehen. Die Frage ist nur … ist Deutschland schon so weit?  


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