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  1. Bürokratiemonster

    Februar 24, 2021 by Gerd Normann

    Falls sich jemand fragen sollte, weshalb das mit den Masken, der App, der Impfung, der Nachverfolgung der Infektionswege, den einheitlichen Maßnahmen in den Bundesländern und insgesamt der Entscheidungsfindung nicht klappt, dem kann ich sagen … weil es der Normalzustand in Deutschland ist. Langsam, rechthaberisch, egoistisch und im Endeffekt dumm, so reagieren die handelnden Personen … weil sie es nicht anders kennen. Sie glauben, das müsse man so machen … weil es alle so machen.

    Dazu ein schönes Beispiel das mir gerade mit der Gema passiert ist. Ich bin bei der Gema als Musikurheber und Musiknutzer gemeldet. Als Musiknutzer habe ich eine Kundennummer und als Musikurheber eine Mitgliedsnummer. Ich habe im Dezember telefonisch versucht eine Sonderregelung für unsere Showfensterkonzerte, die wir bei einem Optiker und in einem Schuhladen veranstaltet haben, zu erreichen. Ich wollte eine Sonderregelung, weil wir Künstlern während des Lockdowns die Möglichkeit gegeben haben aufzutreten, obwohl die Theater geschlossen waren. Der Mitarbeiter konnte mir am Telefon nicht weiterhelfen, hat mir aber bestätigt, dass diese Veranstaltung ein Sonderfall ist. Ich sollte bitte eine schriftliche Ausformulierung meiner Anfrage an die Gema stellen. Nach 2 Monaten kam die Antwort per mail, dass sie keine Ausnahme, auf Rücksicht auf die anderen Musiker, zulassen könnten. Also wollte ich die Veranstaltungen im Nachhinein anmelden und die Setlist einreichen. Bisher hatte ich das immer per einfachem Brief postalisch gemacht. Eine Zeitlang hatte die Gema versucht, mich mit dem Zuschicken unendlich vieler Meldebögen, dazu zu bewegen, die Veranstaltungen schon drei Tage vor der Veranstaltung anzumelden. Mit Angabe der Zuschauerzahl. Da das nicht möglich ist, da man erst nach der Veranstaltung weiß, wieviel Zuschauer da waren, habe ich (wieder telefonisch) versucht, mit ihnen eine Lösung zu finden. Die aber mit ihnen nicht zu finden war, da die von ihnen aufgestellten Regeln eben so waren. Also habe ich immer einen Brief geschrieben, in dem ich die Veranstaltung mit kurzen und knappen Worten angemeldet habe und eine eigene Setlist mit den Liedern dazugelegt. Das Wort „Setlist“ wird von der Gema genutzt, nicht von mir. Ich bekam einige mails und auch einen Anruf, dass das so nicht geht. Ich habs aber einfach immer weiter so gemacht und siehe da, nach einem halben Jahr gings. Sie haben auch ein Jahr gebraucht, um zu bemerken, dass meine Veranstaltungen in den Tarif „Wortkabarett“ gehören. Ein Jahr lang habe ich also überteuerte Rechnungen bezahlt. Plötzlich und ohne mich zu informieren, wurde dann der Tarif geändert. Von dem zuviel bezahlten Geld habe ich nichts zurückbekommen. So, jetzt wieder in die Jetztzeit. Da ich in Zukunft recht viele Veranstaltungen haben werde, wollte ich jetzt den kürzlich von den Gema installierten Online-Service nutzen. Dort möchte ich eine Setlist einreichen und die Veranstaltung anmelden. Ich komme aber nicht so richtig rein in das Portal, irgendwie geht das nur mit einem Code. Um diesen Code zu bekommen, muss ich mich mit der Kundennummer und einer Vertragsnummer oder einer Rechnungsnummer anmelden. Ich suche in meinen Unterlagen, finde aber zusätzlich zur Kundennummer keine Vertragsnummer. Eine Rechnungsnummer habe ich nicht, also nehme ich mal eine Rechnungsnummer einer alten Rechnung … und siehe da, die funktioniert, es geht weiter. Aber mir wird nur mitgeteilt, dass mir der Code zugeschickt wird. Okay, ich warte. Ich schaue immer mal wieder in den Postkasten, also den emailpostkasten, aber da kommt nix. Also rufe ich an und mir wird gesagt … jetzt ACHTUNG … dass mir der Code innerhalb der nächsten drei Tage postalisch zugeschickt wird. Postalisch, per Brief, oldschool … für den Online-Service. Nach über einer Woche ist der Brief noch nicht angekommen. Ich denke … vielleicht arbeiten die mit den Gesundheitsämtern zusammen, deren Mitarbeiter gerade mit einem Faxgerät unter dem Arm die Infektionswege nachverfolgen und nebenbei für die Gema Briefe rumtragen. Sollte man mal nachprüfen, ob die Infektionswege mit der Verschickungsrichtung der Gemapost identisch sind. Die Mitarbeiterin am Telefon meinte, die Anmeldung der Veranstaltung müsste aber über den Online-Service funktionieren. Ich frage, wieso ich die Setlist nicht direkt bei der Anmeldung der Veranstaltung mit einreichen kann. Sie meint: „Ne, das ist so geregelt!“

    Das habe ich dann gemacht. Alle Veranstaltungen angemeldet mit meiner Kundennummer, ich bekomme jedes Mal eine mail, mit der Bestätigung. Die erste Information in der mail lautet: ohne Kundennummer. Ich bin beruhigt. Es läuft prima. Ich rufe wieder an, ein Code ist noch nicht eingetroffen. Auf die Frage der künstlichen Intelligenz, ob ich bereit bin, das Gespräch aufzeichnen zu lassen, sage ich: JAA! Eine andere Mitarbeiterin hebt ab, ich erkläre ihr wieder den kompletten Ablauf. Sie weist erneut darauf hin, dass ich die Setlist nur mit Code eingeben kann, den Sie mir innerhalb der nächsten drei Tage postalisch zuschickt. Ich erkläre, dass ich gleich wahnsinnig werde und frage vorsichtig nach, weshalb es nicht möglich ist, wie bei anderen im Internet auffindbaren Firmen auch, sich einfach mit der Kundennummer anzumelden und dann Zugang zu allen Bereichen zu haben. Und dass es einfacher wäre, Anmeldung und Setlist in einem Vorgang einzureichen. Die Dame hört sich meine, mit unterdrücktem Zorn, vorgebrachten Vorschläge ruhig an und meint dann, dass Sie gerade noch interne Probleme haben und an der Verbesserung arbeiten. Ich frage, ob es nicht möglich wäre, den Code jetzt am Telefon zu sagen oder ihn mir per mail oder sms zuzusenden. Ne, das ging nicht, das geht nur postalisch. Ich erkläre ihr die Situation … dass es ja eigentlich so ist, dass die Gema durch den Online-Service die Bearbeitung der Anmeldung und Setlist von sich auf den Kunden auslagern möchte. Höchstwahrscheinlich um Mitarbeiter einzusparen. Ich als Kunde aber nicht bereit bin, so einen umständlichen Schwachsinn mitzumachen und wieder auf meine bewährte Veranstaltungsmeldung zurückgreifen werde. Ich werde ihnen einen Brief schicken. Postalisch, oldschool. Die Arbeit bleibt bei der Gema und vielleicht kann ich so den ein oder anderen Arbeitsplatz retten.

    Deutschland im Jahr 2021.


  2. Die Büchse der Corona

    Februar 14, 2021 by Gerd Normann

    Endlich die erhoffte Lockerung – wir dürfen wieder zum Friseur. Was machen jetzt diejenigen mit Glatze? Lassen sich Nazis die Haare wachsen, um mal wieder unters frisch gefönte deutsche Volk zu kommen? Aber wahrscheinlich gibt es auch reine Nazifriseure, wo die sich jetzt alle zum Polieren treffen. Na ja, war ja nur son Gedanke. Manche Gedanken sollte man einfach mal für sich behalten, manche nicht. Ich bin Geheimnisträger. Also nicht direkt Geheimnisträger, aber ich weiß etwas, das nicht jeder weiß. Ich arbeite während des frisch frisierten und gelockten Shutdowns unterschiedlicher Intensität, also jetzt seit fast einem Jahr, in einem Einzelhandelsgeschäft … in einem geöffneten Einzelhandelsgeschäft. Egal, was die Regierung da beschließt, wir verkaufen weiter. Wir verkaufen Schuhe … ne, Sorry, Brillen. Schuhläden müssen geschlossen sein, Brillenläden dürfen öffnen. Obwohl ein Schuh länger und breiter als eine Brille ist und somit einen größeren Abstand zum nächsten Nachbar sichert … wenn auch keine 1,50m. Der Unterschied ist … der Optiker ist systemrelevant, der Schuhladen nicht. Ach, ne, das stimmt gar nicht. Der Optiker ist gar nicht systemrelevant. Wäre es aber gerne. Er ist als Gesundheitshandwerk eingestuft. Der Corona-Beschluss der Regierungschefs der Länder vom Dezember 2020 sieht die Optiker ausdrücklich als Ausnahme. Wie ZVA-Präsident Thomas Tuckenbrod ausdrücklich betonte „ein Ergebnis intensiver Interessenvertretung!“ Also Lobbyarbeit. Branchen mit guter Lobbyarbeit dürfen also öffnen, die anderen nicht.

    Wir Optiker verkaufen nicht nur Brillen, wir passen sie an, messen die Augen aus … und müssen dabei regelmäßig etwa auf eine Entfernung von 3 cm an den Kunden heran oder auch noch näher. Unser Hygienekonzept sieht vor, dass sich nicht mehr als 2 Kunden im Geschäft aufhalten, sie sollen eine Maske tragen, die sie bei der Augenmessung absetzen müssen, da sonst die vorgeschalteten Gläser beschlagen. Sie müssen sich, bevor sie Fassungen anfassen, vorher die Hände desinfizieren. Zwischendurch wird gelüftet. Manchmal sind aber auch mehr Menschen im Geschäft, weil plötzlich ein gestresster Paketbote hineinstürzt oder einer der das Schild nicht gelesen hat oder einer der immer mal gerne kurz reinschaut. Durchschnittlich betreten etwa 20 Leute täglich unser Geschäft. Das macht bei 260 Arbeitstagen im Jahr 5200 Kunden. Niemand hat sich bei uns mit Corona infiziert, auch nicht meine Kollegin und ich, die wir diese ganzen Kunden ja bedient haben. Da taucht natürlich die Frage auf, weshalb ein Schuhladen, der die identischen Sicherheits- und Hygieneregeln befolgt wie ein Optiker, seinen Laden nicht öffnen darf. Oder ein Restaurant … oder ein Kino … oder ein Theater … oder ein Museum. „Weil man irgendwo ja die Grenze ziehen muss“ werden die PolitikerInnen sagen. Das ist gar nicht so falsch, aber es sieht aus, als würde die Grenze von Lobbyisten gezogen und von den langsamen Faxgeräten in den Gesundheitsämtern.

    Die, die eigentlich diese Grenzen ziehen müssten sind unsere Politiker, doch die torkeln durch die Pandemie wie Klein-Erna durch ihren ersten Kaufladen. „Was ist das denn? Das legen wir mal dahin. Oh, das geht nicht. Da liegt schon was! Ach, dann nehmen wir was anderes!“ Man traut sich ja schon gar nicht mehr, die ganzen desaströsen Entscheidungen aufzuzählen. Das Gesundheitsministerium hat momentan 58 Klagen am Hals wegen der Maskenbeschaffung im Frühjahr. Und dann gings erst richtig los.

    So, jetzt wollte ich eigentlich die ganzen Unzulänglichkeiten und das endlose Hin und Her aufzählen, aber leider wird mir schlecht, wenn ich nur daran denke. Und dann passiert etwas, das mir die Entscheidung abnimmt. Die Regierung hat mir einen Brief geschrieben. Er wird gerade von einem berittenen Boten des Gesundheitsamts Wiedenbrück (Wieso Wiedenbrück? Egal, nachfragen zieht nur noch mehr Fragen nach sich) hereingereicht. Er trägt Reitstiefel aus dem 17. Jahrhundert. Nicht nachfragen, sage ich mir. Ich öffne den Brief. Er beginnt mit einer Aussage, die mich etwas überrascht „die Corona-Pandemie schränkt unser aller Alltag ein“. Aha. Und er endet mit „bleiben Sie gesund!“ Dazwischen steht geschrieben, dass die Bundesregierung beschlossen hat, mir 15 Schutzmasken mit hoher Schutzwirkung gegen eine geringe Eigenbeteiligung (nicht gegen Corona?) zur Verfügung zu stellen. Und daneben liegen 2 Berechtigungsscheine für jeweils 6 Masken. Ich zähle nach und komme auf 12. Da fehlen drei. Und lese, dass ich die fehlenden drei kostenlos bis zum 6.1.21 bei meiner Apotheke abholen konnte. Oh, das hab ich nicht gemacht … weil ich gar nichts davon wusste … wieso wurde mir das nicht per berittenem Boten schriftlich mitgeteilt? Der 6.1. ist ja schon vorbei. Wahrscheinlich hat sich der Bote verritten. Also bekomme ich die jetzt nicht mehr kostenlos. Das heißt, ich krieg nur noch zwölf. Ein ganzes Jahr hat die Bundesregierung also gebraucht, um mir und meinen anderen Mitmenschen Masken zur Verfügung zu stellen … gegen eine geringe Eigenbeteiligung, mit denen die Anwaltskosten beglichen werden müssen, die wegen den 58 Klagen, die sie wegen ihrer Maskenpolitik am Hals haben, auflaufen. Nichts beschreibt das Chaos besser, als dieser Brief.

    Jetzt gibt’s nur ein ganz kleines Problem … ich brauche die Masken nicht. Ich habe nämlich schon welche. Hab ich mir selbst besorgt, gegen eine geringe Eigenbeteiligung. Deshalb ist es wohl besser, wenn ich die Masken wieder zurückschicke. Ich weiß nur nicht, wann der Bote wieder vorbeikommt. Ach, ich bring sie lieber selber.

    Nachdem ich gerade 5 Minuten sinnierend auf meine Tastatur geschaut habe, manifestiert sich eine Feststellung in meinem Hirn: Das ist also die vorausschauende Schutzmaßnahme der Bundesregierung für Risikogruppen. Denn ich gehöre zur Risikogruppe, da ich letzten April 60 Jahre alt geworden bin. Vor allen Dingen bin ich eigentlich gar keine Risikogruppe. Ich bin zwar 60 Jahre alt, hab aber keine Angst vor Corona, weil ich gesund bin. Vielleicht hätte mich mal einer fragen sollen. Egal … ein Jahr hat die Bundesregierung benötigt, um der Risikogruppe Masken zur Verfügung zu stellen. In welchem Land ist das nochmal ähnlich desaströs verlaufen? Atlantis? Ach, ne, die sind schon untergegangen. Mit diesem Brief machen Sie sich wirklich komplett lächerlich. Und ich habe die Befürchtung, dass das noch nicht alles war, denn sie lassen sich ihre Maßnahmen von Lobbygruppen diktieren und der Angst um die eigene Pension, weil nämlich schon wieder Wahlkampf ist und weil sie nicht über den Tellerrand gucken können, um zu erkennen, dass es auch vernünftige Konzepte gibt. Als Pandora die, ihr von Zeus geschenkte Büchse unbedacht öffnete, entwichen die schlechten Angewohnheiten und die Untugenden in die Welt … und haben unsere Bundesregierung voll getroffen.


  3. kleinkunst!

    Januar 3, 2021 by Gerd Normann

    Ein Begriff, der mich seit längerem ziemlich nervt, ist der Begriff „Kleinkunst“. Viele, die den Begriff benutzen, ob „Kleinkünstler“ selbst oder Journalisten, die über „Kleinkunst“ schreiben, scheinen nicht zu wissen, wo der Begriff herkommt. Obwohl ein Blick in die Wikipedia reichen würde. Da steht folgendes: Ursprünglich wurde mit Kleinkunst ein kleines künstlerisches Werk sowie um 1860 das Kunsthandwerk als solches bezeichnet, heute steht der Begriff seit den 1920er Jahren für häufig auch kabarettistische Bühnendarstellungen und andere Darbietungen im kleineren Rahmen.

    „Im kleineren Rahmen“. Das bedeutet, dass der Begriff „Kleinkunst“ keine künstlerische Wertung beinhaltet, sondern auf die begrenzten örtlichen Begebenheiten anspielt. Heute umweht den Begriff jedoch immer eine gewisse Herablassung. Ein Kleinkünstler macht keine große Kunst, sondern irgendwas „Kleines“! Das hört sich eher an, als handele es sich um die Ausscheidung eines gerade auf die Welt gekommenen Hundewelpen. Feuilletonisten nutzen den Begriff gerne, wenn sie mit offensichtlicher Hochkulturattitüde über Kabarettisten, Comedians oder als komisch gedachte Fernsehformate herziehen, was nicht selten durchaus berechtigt ist, weil es nicht gut ist. Das passiert zwar bei der „Großkunst“ auch, aber da gibt es keinen so knackig abwertenden Begriff.

    Also trägt der „Kleinkünstler“ durchaus auch selbst die Verantwortung dafür, dass der Begriff wertend eingesetzt wird. Da es keine richtigen Zulassungsbeschränkungen gibt, tummelt sich natürlich auch viel Mittelmaß auf den Bühnen. Wenn jemand mal gerade 5 Witze erzählen kann und dann von irgendeiner Agentur als „Kleinkünstler“ in die Medien geschoben wird, kann das nur nach hinten losgehen und würdigt diejenigen herab, die mit Herzblut, Kreativität und handwerklichem Können ihre Kunst abseits des schnellen Witzes betreiben. Ich kenne Agenturen, die „Kleinkünstler“ vermitteln und davon sprechen, dass es sich ja „nur“ um „Kleinkunst“ handelt. Sie versenken sich damit selbst in der Minderwertigkeit. Auch Kulturveranstalter unterstützen die Verniedlichung dieser Bühnenkunst, indem sie „Kleinkunstpreise“ erschaffen, wie die „Heiligenhafener Lachmöwe“, den „Wilhelmshavener Knurrhahn“, den „Rhadener Spargel“, die „Tuttlinger Krähe“ oder den „Gaul von Niedersachsen“! Wenn wir ehrlich sein wollen, unterscheidet sich das nicht wesentlich von dem Niveau eines Friseurs, der seinen Salon „Haarmonie“ oder „Kaiserschnitt“ nennt. Auch Veranstalter, die sich nur danach richten, was ihnen vom Fernsehen vorgekaut wird, tragen zur Trivialität und Eindimensionalität bei.

    Ich plädiere dafür, den Begriff „Kleinkunst“ einfach zu streichen. Er ist nicht nur falsch, sondern macht zudem eine Kategorisierung auf, wo gar keine ist. Unter die „Kleinkunst“ fallen laut Wikipedia 17 unterschiedliche Genres, wobei die Aufzählung mit „usw.“ endet. Es gibt ihn nicht, den speziellen „Kleinkünstler“. „Undsoweiter“ ist auch ein Begriff, den ich sehr liebe. Das heißt, dass theoretisch auch der Straßenmusiker in der S-Bahn oder Opa`s Gute-Nacht-Geschichte dazugehört. Oder auch die Oper, wenn sie in kleinerem Rahmen stattfindet oder einfach schlecht besucht ist, was ja auch immer häufiger vorkommen soll. Da es aber nur große Opernhäuser gibt, fällt die Oper natürlich unter die große Kunst, also die „Großkunst“! Und „Groß“ bedeutet vor allen Dingen ein großes Ensemble und einen großen Etat … was dann auch zu einem hohen Niveau führen soll. Was ich hiermit dann mal bezweifele. Ich kenne mich im Genre der Oper nicht aus, vermute aber, dass mein Desinteresse daran liegt, dass sie seit Jahrhunderten die gleichen Werke und Texte spielen … und das in einer Art und Weise, die nur noch Liebhaber oder Hörgeschädigte zufriedenstellt. Diesen kleinen Seitenhieb soll man mir bitte mal verzeihen. Wobei ich zugebe, dass es durchaus zeitgenössische Interpretationen gibt, die ein sehr, sehr hohes Niveau haben …, einige davon habe ich mir sogar angeschaut.

    Jetzt aber zurück zu der „Kleinkunst“. Es gibt durchaus „Kleinkünstler“, die einen höheren Unterhaltungswert haben als jede Oper. Und es gibt „Kleinkünstler“, die den Unterhaltungswert einer muffigen Socke haben. Es wäre unfair, beide in einen Topf zu werfen. Der eine arbeitet professionell, der andere weniger. Ich halte auch nichts von diesen festen Genrekategorisierungen wie Kabarett, Chanson oder Puppenspiel. Viele Künstler nutzen mittlerweile eine Menge unterschiedlicher Ausdrucksformen, um einen abwechslungsreichen und unterhaltsamen Abend auf die Bühne zu zaubern. Sicher gibt es Publikum, welches nur zu politischem Kabarett geht und solches, das nur Poetry-Slam goutiert. Der Unterschied ist in erster Linie der Eintrittspreis und das Alter des Publikums, denn das, was da manchmal auf der Bühne geschieht, passt durchaus in beide Genres. Ein Veranstalter, der nur auf politisches Kabarett oder nur auf Poetry Slam setzt, verzichtet damit sehenden Auges auf eine Menge Publikum.

    Was alle Bühnen- und Vortragskünstler eint, ist der Wille, mit der ihm eigenen Idee von Kunst sein Publikum gut zu unterhalten. Und das sollte auch in einen wertfreien Sammelbegriff einfließen. Deshalb plädiere ich dafür, anstatt „Kleinkunst“ den Begriff „Unterhaltungskunst“ einzusetzen. Ob das in kleinem oder großem Rahmen stattfindet, ist damit obsolet. Und wenn die Qualität stimmt, wird es dafür auch ein Publikum geben, das überrascht sein wird, was es noch so alles gibt und sich kopfschüttelnd erkundigt, weshalb das Fernsehen so etwas nicht zeigt.  


  4. Kultur aushalten

    Dezember 5, 2020 by Gerd Normann

    Ich habe gestern eine Glückskeks bekommen und drin war ein Zettel mit einem sehr, sehr klugen Spruch: „Veränderungen stehen vor ihrer Tür. Lassen Sie sie ruhig zu!“ Momentan werden die meisten Leute die Tür zulassen und nicht die Veränderung. Und wenn die Pandemie vorbei ist werden sie es gar nicht bemerken. Sie haben sich hinter ihrer Tür gerade so schön und sicher eingerichtet, da guckt man nicht nach Veränderungen.

    Die Aktion „Kulturerhalten“, die als Lobbyorganisation für die Kulturscene auftritt, scheint ihre Daseinsberechtigung aus dem Klagegeheul gegen die Ungerechtigkeiten der Corona Maßnahmen zu ziehen. Man sitzt in seiner muffigen Kemenate und verwaltet seine politischen Forderungen an die Entscheidungsträger, vermeidet es aber Vorschläge für Auswege aus dem Dilemma zu unterbreiten.

    Vor 3 Tagen schrieb jemand auf „IG #kulturerhalten“ wie schlimm alles sei und dass die Kultur am Boden läge und wie unsagbar traurig das alles sei. Ich antwortete, dass es auch anders geht, wie man an der Entenfuß-Showfensteraktion sehen könne. Mit einem Link zur Aktion. Hier der Link. Mein Beitrag wird entfernt. Grund: unerlaubte Werbung oder Spam. Ich schreibe einen erneuten Beitrag, dass es darum geht nach vorne zu gucken und aktiv zu werden und nicht zu jammern und dass ich es gut fände, wenn jeder so ein Showfenster aufmachen würde. Mein Beitrag wird von den Administratoren nicht zugelassen. So beteiligt sich „kulturerhalten“ nicht gerade daran, die Kultur zu erhalten. Ich habe die Gruppe daraufhin verlassen.

    Ich habe diese letzten Zeilen dann auf Facebook gepustet (ich sag immer gepustet, anstatt gepostet, das nimmt dieser Internetplattform ihre Selbstüberschätzung) und möchte einige Kommentare, kluge Kommentare, erwähnen. So meinte ein Kommentator, dass es sich beim Entenfuß-Showfenster ja nicht um eine kommerzielle Aktion handelt, sondern um eine ideelle. Ein anderer schrieb „Bürokratie erhalten schlägt alles. Was für lappenhafte Admins!“

    Es gibt mittlerweile in der Kulturscene jede Menge kreative Aktionen mit denen gegen den Stillstand und das Jammern gearbeitet wird. Und ich fände es sehr, sehr wichtig, wenn sich jemand darum kümmern würde diesen Aktionen und ihren Künstlern eine Stimme zu geben und der Öffentlichkeit zu zeigen, hier wird nach vorne geschaut. Sicher ist es wichtig eine gemeinsame Stimme zu kreieren und damit den Versuch zu unternehmen auf Politiker einzuwirken. Aber wenn „Kulturerhalten“ auch nach der Pandemie noch eine Daseinsberechtigung haben möchte, dann sollten sie mal anfangen nach vorne zu schauen und ihre Geschäftsordnung zu überarbeiten. So genug geschimpft, ich muss noch ein paar Weihnachtstexte für morgen raussuchen, da findet wieder das Entenfuß-Showfenster im Creme Fresh an der Kastanienallee statt. Diesmal mit Laura Dee, Natascha der Großen und Lina Lärche. Es hat sich ein Videojournalist der Nachrichtenagentur AP angemeldet, der einen Bericht über Künstler in der Pandemie herstellt. Ich werde ihm sagen, dass wir hinter einer Glasscheibe spielen, um nach vorne schauen zu können. Hinter einer geschlossenen Wohnungstür würde das überhaupt keinen Effekt erzielen.


  5. Erstaunte Menschen

    November 16, 2020 by Gerd Normann

    Joachim Löw war erstaunt. Seine Mannschaft hatte am Samstag gegen die Ukraine Fußball gespielt, obwohl 25 Stunden vorher 4 Spieler der gegnerischen Mannschaft positiv auf Corona getestet worden waren. Man hatte die restlichen Spieler sofort nochmal getestet und alle waren negativ. Was für eine Erleichterung, die vier betroffenen Spieler kamen in Quarantäne und das Fußballspiel fand statt. Im Durchschnitt beträgt die Inkubationszeit bei Corona 5-6 Tage. So, für alle Schwachrechner … 25 Stunden vor Samstag ist Freitag … oder Donnerstag … wenn man eben Samstagmorgen um 0 Uhr 55 den Coronatest durchführt. Also rechnen wir großzügig … von Donnerstag auf Freitag ist = 1 Tag … von Freitag auf Samstag ist auch = 1 Tag. Ergebnis: 1 Tag + 1 Tag = 2 Tage. Jetzt aber … Inkubationszeit durchschnittlich = 5-6 Tage. Durchschnittlich heißt: im günstigsten Fall beträgt die Inkubationszeit evtl. etwa und möglicherweise = 1 Tag. Und dieser günstige Fall findet bei Ukrainern immer Anwendung, weil Ukrainer aufgrund ihrer ukrainischen Konstitution seit jeher nur einen ukrainischen Tag Inkubationszeit haben. Das hat sich bei denen so eingependelt. Gut … jetzt, am Montag, also 2 Tage nach dem Spiel, werden erneut 3 Spieler der Ukraine positiv auf Corona getestet. Und was passiert … Joachim Löw zeigt sich erstaunt. Die Ärzte hatten doch grünes Licht gegeben. Also die DFB-Ärzte, die UEFA-Ärzte und die Fernsehärzte … und die Ärzte der Banken und die von VW. VW? Da war doch was. Ach so, die waren sowieso gut im Runterrechnen.

    Da fragt man sich doch … wie unterbelichtet ist der Löw eigentlich? Mal schauen wie erstaunt er ist, wenn sich herausstellen sollte, dass in 5-6 Tagen auch Spieler seiner Mannschaft positiv getestet werden. Wahrscheinlich wird er behaupten, dass diese Spieler sich mit der ukrainischen Inkubationszeit angesteckt haben und sich mit Corona dann erst am Sonntag zu Hause bei den Kindern.

    Die Nationalmannschaft ist sehr stolz darauf eine Vorbildfunktion zu erfüllen. „Gib Rassismus keine Chance“, „Trink Krombacher und du bist wacher!“ und „Fahr VW, dann tuts im Geldbeutel sehr weh!“

    Wenn man diese Aktion auch unter dem Vorbildaspekt betrachtet, dürfte es eigentlich kein Problem sein, sich jubelnd in den Armen zu liegen, sich schwitzend anzuschreien oder auch mal den Arsch des ein oder anderen zu küssen. Die einzige Konsequenz aus diesem Treiben, dürfte dann sein, Joachim Löw ist erstaunt.

    Wie unterbelichtet muss mein eig … ne, nochmal … wie erstaunt muss man eigentlich sein, um bei einem so sensiblen Thema ein so schlechtes Beispiel abzugeben. Wenn es um die Fernsehgelder geht, nimmt man es mit der Vorbildfunktion nicht so genau und die Spieler halten ja sowieso die Schnauze, die werden fürs erstaunt sein schließlich sehr gut bezahlt. Und Oliver Bierhoff wundert sich, dass die Akzeptanz der Nationalmannschaft in der Bevölkerung stark nachgelassen hat. Nein, er wundert sich natürlich nicht, er ist einfach nur erstaunt. Und auch ich komme so langsam aus dem Staunen nicht mehr raus.

    Es handelt sich aber auch um ein Paradebeispiel. Ein Paradebeispiel für das unterschiedliche Maß, dass angelegt wird, wenn es um die Bewertung der Gefährlichkeit von Corona geht. Ich bin mal gespannt, was noch alles so Erstaunliches passiert.