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  1. Jetzt aber mal konkret

    Oktober 28, 2020 by Gerd Normann

    Ich war heute auf der Demo des Aktionsbündnisses Alarmstufe Rot. Die Morgenpost schrieb „die Eventbranche macht erneut auf die Krise aufmerksam!“ Eventbranche ist auch ein wirklich schönes Wort, zusammengesetzt aus einem englischen und einem französischen. Aus dem Wort braucht man nur einen Buchstaben zu streichen und trifft die Situation auf den Kopf. Die Eventbrache. Da jetzt gerade eben der Lockdown für alle Veranstaltungen und Theater etc. verkündet wurde, werden einige Eventveranstalter nicht nur im November brach liegen, sondern vielleicht für immer … wenn nicht sofort konkrete finanzielle Hilfe geleistet wird.

    Einschieben möchte ich kurz, dass die Morgenpost nicht recht hat, wenn sie das Ganze einfach mit „Krise“ umschreibt. Die Eventbranche hat nicht auf die Krise aufmerksam gemacht, sondern auf den eigenen, kurz bevorstehen Tod.

    Auf der Abschlusskundgebung wurden von vielen Betroffenen Solidaritätsbekundungen mit sich selbst und anderen Betroffenen von sich gegeben, die sich, wenn wir ehrlich sein wollen, doch sehr ähnelten. Aber gut, auf jeden Fall scheint die Sprachlosigkeit weg zu sein im Angesicht des Zusammenbruchs. Til Brönner hat sich heute, fast 7 Monate nach dem Ausbruch der „Krise“ auch über YouTube zu Wort gemeldet und Unverständnis darüber ausgedrückt, dass gerade die Großen in der Branche sich bisher nicht zu Wort gemeldet haben. Na ja.

    Und dann … jetzt kommt ein weiteres schönes Wort, das ich sehr liebe … wurde ein Slot freigeräumt. Für Peter Altmeier. Ein Slot ist eigentlich ein Zeitfenster für den Start- und Landebetrieb an Flughäfen. Dass man das Eintreffen von Peter Altmeier mit der Landung eines Fluggerätes vergleicht, finde ich schon auch ein wenig amüsant. Irgendwie ein schönes Bild, das sich da aufmacht. Nein, Slot kommt natürlich aus der Slammerszene (also nicht die Schlemmerszene, das ist was anderes). Wenn die Poetry-Slammer auf die Bühne gehen, dann haben sie ein Slot. Ein Zeitfenster.

    Aus diesem Fenster sollte also Peter Altmeier winken. Tat er aber nicht. Er hatte Wichtigeres vor und schickte seinen Staatssekretär Thomas Beifuß … ne, Bareiß. Thomas Bareiß wurde gefragt, was denn jetzt für konkrete Maßnahmen für die Veranstalter und Soloselbstständigen beschlossen werden oder vielleicht auch schon wurden. So genau wüsste man das jetzt nicht, da seit 2 Wochen der Kontakt zum Wirtschaftsministerium abgerissen sei. Herr Bareiß bekundete erstmal konkret seine Solidarität mit der Eventbrache … Entschuldigung … Eventbranche und versprach umgehend konkrete Schritte in die Wege zu leiten, wobei er einen Schritt zurück machte, den aber konkret. Er war sich bewusst, dass jetzt sofort konkrete finanzielle Hilfe gerade für … bla, bla, bla … geleistet werden müsste … und er persönlich sich konkret dafür einsetzen würde …  gab es konkrete Gespräche … weiterführende konkrete Maßnahmen … etc. Auf die Nachfrage was denn jetzt konkret beschlossen worden sei, wiederholte er konkret seine vorherigen Ausführungen, so dass er am Ende konkret nichts gesagt hatte. Spätestens in dem Moment wusste ich, dass er eigentlich Beifuß hätte heißen müssen. Aber so ist das mit den Staatssekretären, einige werden ausgewählt, weil sie überragendes Fachwissen haben. Andere, weil sie ihr Fachwissen wortreich in jedem Fach verschleiern können.

    Daneben stand noch Carsten Linnemann, der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU/CSU. Der echauffierte sich plötzlich dermaßen engagiert, er sei Sohn eines Buchhändlers, worauf ein teilweise marktschreierisch vorgetragener Salmon über die armen Mittelständler folgte, denen es so schlecht geht. Nur welche Position Herr Linnemann in der ganzen Sache vertritt, das verriet er nicht. Auf jeden Fall hat er es geschafft die Aufmerksamkeit von Herr Beifuß abzuziehen und auf sich zu lenken. Und dann verschwanden die beiden Herren wieder. Ich fand, ein konkret denkwürdiger Auftritt. Kurze Zeit später verkündete Angela Merkel, dass alle Freizeit- und Kultureinrichtungen einen Monat schließen müssen. Das ist doch mal konkret. Mal schauen, ob es jetzt auch konkrete Hilfen gibt.


  2. Politik und Kultur

    Oktober 27, 2020 by Gerd Normann

    Die Überschrift lässt vermuten, dass ich erneut nicht dazu komme zu beschreiben, wie meine Arbeit als Künstler aussieht. Damit sich das nicht einspielt, werde ich jetzt aus Trotz doch damit beginnen und lass die Überschrift mal so stehen … als Drohung oder Warnung. So, woran arbeite ich gerade, außer am Blog. Heute habe ich als Optiker gearbeitet, damit ich meine Miete bezahlen kann und mein Auto, das ich für Auftritte brauche, damit ich etwas zu essen kaufen kann und … na ja, Lebens- und Betriebskosten eben … die gehen halt ineinander über.

    Künstlerisch bin ich momentan unter anderem als Regisseur und Texter für das neue Programm von Lina Lärche tätig. Anfang Februar findet im Theater die Wabe in Berlin die Premiere statt und bis dahin gibt es noch einiges zu tun, denn die ersten Vorpremieren gehen bereits im Dezember über die Bühne. Da viel mit Kostümen, Liedern und Tanz gearbeitet wird, rechnen wir normalerweise mit insgesamt 1-1,5 Jahren Produktionszeit. Durch den plötzlichen Lockdown im März hatten wir plötzlich viel Zeit, so dass wir schon recht weit sind. 11 Lieder sind fertiggestellt, wobei es sich um 5 mit neuem Text versehene Coversongs und 6 komplett aus der eigenen Feder stammende Lieder handelt. Die Lieder entstehen etwa folgendermaßen. Die Künstlerin hat eine Grundidee, wie z.B. ein bestimmtes Thema, das sie gerne im Programm hätte oder eine Melodielinie. Ist es ein Thema setzte ich mich hin und versuche einen Text zu schreiben. Das klappt manchmal sehr schnell und manchmal sehr langsam. Ist die zündende Idee sofort da, geht es sehr schnell. Muss man sich die zündende Idee erschreiben, dauert es länger. Ist der Text einmal da, geht die Künstlerin damit zu ihrem Pianisten und dort entsteht die Musik dazu. In 9 von 10 Fällen muss der Text dann noch einmal nachgearbeitet werden. Gestern Morgen haben wir dann erst geprobt und einige Moderationen mussten gekürzt werden, damit sie knackiger und lustiger rüberkommen. Bei den Moderationen gehe ich meistens so vor, dass ich eine kleine Geschichte oder ein Bonmont erzähle … am besten etwas selbst erlebtes, da man das dann auch mit der nötigen Inbrunst erzählen kann. Danach werden überflüssige Bemerkungen gestrichen, so dass die Geschichte logisch und gleichzeitig lebhaft und humorig rüberkommt. Am besten sind dabei die Geschichten, die man so erzählen kann, als seien sie einem gerade auf der Bühne eingefallen. Danach musste Frau Lärche Material für ihren Tanz und die Garderobe besorgen und ich habe noch den Text eines Liedes umgeschrieben, das eine thematisch andere Richtung bekommen sollte, damit es sich logisch in die Dramaturgie und die Rahmengeschichte einpflegt. Nachdem ich zu Abendbrot gegessen hatte, habr ich dann selbst geprobt. Ich habe mich überreden lassen, innerhalb von 2 Monaten ein Nikolausprogramm auf die Beine zu stellen. Eigentlich ziemlich bescheuert, aber ich hatte gedacht, ich hätte schon einige Szenen, da der Nikolaus auf dem Nikolaus beruht, den ich bei unserem Weihnachtsprogramm mit den Twersbraken spiele. Hier mal ein kleiner Ausschnitt zur allgemeinen Belustigung.

    Leider habe ich bemerkt, dass ich doch nicht so viel von dieser Figur nutzen kann. Außerdem kommen, wenn ich mich mit dem Thema beschäftige, natürlich einige neue Ideen. Das heißt, plötzlich sitze ich da und schreibe … und dann habe ich doch wieder ein neues Programm, muss intensiv proben und … weiß nicht, ob die Veranstaltung überhaupt stattfinden wird. Dann muss ich mir sagen „nächstes Jahr ist wieder Nikolaus!“ … falls es keinen Lockdown gibt. So, jetzt habt ihr mal so ungefähre Vorstellungen von meinem Tagesablauf.

    Wenn ihr jetzt vielleicht irgendwelche Politiker oder Beamte kennt, die Entscheidungen treffen, die uns Künstler und unsere Arbeit direkt beeinflussen, dann schickt ihnen doch mal einen Link. Ich denke, dass einige dieser Herrschaften sich das anschauen werden und denken „Joh, das ist ja schon fast ein ganzer Tag!“. Stimmt, dass ist so mein durchschnittliches Pensum. Mit Auftrittsakquise und Werbung, Plakate herstellen, Filmaufnahmen schneiden etc. kommt noch einiges dazu. Ich mache eigentlich alles selbst, weil ich weiß, dass ich mich auf den Typ verlassen kann. Der wird meistens rechtzeitig fertig. Würde ich dafür Leute bezahlen müssen … na ja, ihr wisst schon … Jetzt habe ich allerdings in den letzten Monaten das Gefühl, dass Politiker oder hohe Beamte die Arbeit eines Künstlers nicht schätzen („sind eh alles Linke!“) oder gar nicht wissen, dass hinter einem Bühnenauftritt auch viel Arbeit steckt. Politiker in Kabarettveranstaltungen sind ein seltenes Ereignis. Meistens erscheinen sie eh nur, wenn auch Kameras da sind, die sie bei jedem verordneten Lacher gut ausgeleuchtet einblenden können. So wird dem Wahlvolk suggeriert „er oder sie kann mit Kritik umgehen“, „hat Humor“, „unterstützt die Kultur“, „kann über sich selbst lachen“. Die Ausschnitte, die erkennen lassen „hat die Pointe nicht verstanden!“ werden nicht gesendet. In erster Linie interessieren sie sich nicht für diese Kunstform, da sie Kritik äußert, sich satirisch mit ihnen beschäftigt und nicht die anscheinend von ihnen erwartete Demut vor ihnen zeigt.

    Wenn man sich jetzt noch einmal das Handeln der Politik während des Lockdowns vor 6 Monaten in Erinnerung ruft, dann wirkt das leider wie ein kleiner Rachefeldzug. Es wurden öffentlich Versprechungen gemacht, die im Stillen wieder einkassiert wurden. 50 Milliarden wurden versprochen, aber nur etwa ein Drittel freigegeben. Das hatte zur Folge, dass viele der Soloselbstständigen in Hartz 4 gedrängt wurden. Da sollte dann 6 Monate lang keine Vermögensprüfung stattfinden, jedoch wurde in einigen Ländern eine kleinkrämerische Prüfung eingeführt, die dazu führte, dass viele ihre Altersvorsorge aufbrauchen mussten. Es wurde von einer vereinfachten Prüfung gesprochen, die dann etwa 100 Seiten benötigte, um noch mit nachfolgenden Prüfungen und erforderlichen Nachweisen drohte.

    Für mich sieht das leider aus wie die beleidigte Retourkutsche einiger humorloser Paragraphenreiter. Gerne würde ich mich vom Gegenteil überzeugen lassen. Ich wäre gesprächsbereit. Ich würde auch zu denen hinfahren. Und die Fahrtkosten natürlich aus meiner Altersvorsorge bestreiten. Ach, da fällt mir ein … die habe ich ja aufgebraucht. Aber Alter wird ja auch überbewertet und wir wollen die Rentenkasse nicht zu sehr belasten. Damit die die Statistik stimmt.

    In diesem Sinne werde ich morgen den halben Tag Brillen verkaufen und den restlichen Tag mit Proben, Schreiben und sonstigem Bürokram bestreiten. Oder ich fahr mal zu Herr Altmeier … da komm ich mit der BVG hin … und wenn ich schwarz fahre, belaste ich meine Altersvorsorge nicht. Und wenn ich dann bei ihm bin, werde ich ihm beweisen, dass Künstler auch humorlos sein können.


  3. Angst ist ein schlechter Ratgeber!

    Oktober 23, 2020 by Gerd Normann

    Eigentlich wollte ich einen kleinen Überblick geben über die verschiedenen Programme, an denen ich gerade arbeite, muss jetzt allerdings doch erst ein anderes Thema in den Vordergrund schieben. Die Angst. Und Peter Altmeier. Und Jens Spahn. Und Markus Söder. Angst ist ein schlechter Ratgeber, das hat meine Omma immer gesagt … und meine Mutter … und eure Omma … und eure Mutter. Der Spruch gehört zu den überlieferten Aphorismen, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind und irgendwie von Weisheit zeugen. Getätigt hat den Spruch aber Andrew Jackson, der 7. Präsident der USA (1767-1845). Was waren das für schöne Zeiten, als US-Präsidenten noch in der Lage waren kluge Sprüche von sich zu geben. Jetzt gibt es aber auch noch den Aphorismus „Angst ist der einzige sichere Ratgeber, den das Leben überhaupt hat!“ Der stammt von dem deutschen Schriftsteller August Lafontaine (1758-1831). Und jetzt können wir mal beginnen über Angst nachzudenken. Der Amerikaner ist der Meinung, sie ist ein schlechter Ratgeber, der Deutsche ist der Meinung sie ist ein guter oder sicherer Ratgeber.  

    Klar ist, dass der Homo Sapiens nicht so weit gekommen wäre, wenn er ein Angsthase gewesen wäre. Sicher hat er vor dem Säbelzahntiger Angst gehabt. Aber den Säbelzahntiger gibt’s nicht mehr, den Menschen schon. Niemand kann sich die Angst vorstellen, die der Säbelzahntiger vor dem Homo Sapiens empfand. Wäre der Homo Sapiens damals typisch deutsch gewesen und hätte Angst als sicheren Ratgeber empfunden, säße er noch heute bibbernd in seiner Höhle und wartete auf den Lieferservice, der ihm seine Graupensuppe reinreicht. Nein, der Mensch hat immer Angst empfunden, aber es sich zur Aufgabe gemacht, sie zu überwinden. Deshalb ist er noch da.

    Der Säbelzahntiger heißt gerade Corona. Nee, das ist kein gutes Beispiel. Oder doch? Ich bin mir nicht sicher. Nehmen wir mal an, er hieße Corona. Und der Amerikaner sagt: „das ist kein Problem, wir haben es im Griff. Ich will keine Panik erzeugen!“ Und der Deutsche sagt: „Liebe Leute, jetzt ist aber Vorsicht geboten, bleibt mal in euren Höhlen und kommt erst wieder raus, wenn der Coronatiger ausgestorben ist.“ Gut, das ist jetzt der Moment, wo ich meine Meinung zum Coronavirus darlegen muss, sonst kriege ich Hasskommentare. Ich finde die Maßnahmen der Bundesregierung zu Beginn der Pandemie okay, weil man nicht wusste, was auf einen zukommt. Und ich finde die Maßnahmen der Bundesregierung seit Mai 2020 komplett daneben, weil Großkonzerne, die ihre Gewinne in irgendwelchen Steueroasen bunkern, mit Geld zugeschüttet werden, während kleine Unternehmer nur Geld für ihr Betriebskosten bekommen. So, zurück zur Angst. Wird gerade die Angst von den Politikern institutionalisiert, um die Leute in ihren Höhlen zu halten? Auf jeden Fall. Aber … unbewusst. Sie können nicht anders, weil sie selbst Angst haben. Die Angst hat in den letzten 50 Jahren kontinuierlich zugenommen. Vor 40 Jahren gab es vielleicht 2 von 10 Fahrradfahrern die einen Helm trugen. Heute hat man das Gefühl es sind 12 von 10. Gut, der Einwand lautet … „aber das ist doch vernünftig“. Sicher ist es vernünftig, aber wenn der Homo Sapiens immer vernünftig gewesen wäre, säße er noch in seiner Höhle und der Säbelzahntiger läge wartend davor.

    Ich glaube, dass die Angst in den letzten 50 Jahren immer größer geworden ist. Versicherungen haben das bemerkt und machen Geld damit. Manche lassen sich ihre Brüste versichern, ihre Hintern, ihre Brillen oder ihre Angst von ET entführt zu werden.

    Ich plädiere jetzt nicht dafür risikoreicher zu leben, sondern einen Mittelweg zu finden. Angst kann auch Kreativität freisetzen. Leider habe ich bei unseren Politikern das Gefühl, dass sie sich in ihrer eigenen Angst ganz gemütlich eingerichtet haben. Sie kommen alle aus gutbürgerlichen Verhältnissen, wo alles seinen geregelten Gang geht. Niemand hat Unsicherheit vor der Zukunft kennengelernt, niemand hat gelernt seine Angst zu akzeptieren und damit zu leben. Wenn man gewohnt wäre, mit seiner Angst zu leben, würde einem der Anstieg der Infektionszahlen vielleicht nicht sofort die Panik ins Gesicht schreiben. Das heißt, sie haben sie nicht sofort im Gesicht, sie sind ja Profis. Für die Kameras sind sie nach außen cool und beherrscht, aber aus den Worten, die sie dann sagen, spricht die Panik, die sie dann an die Menschen weitergeben. Es herrscht absolutes Chaos bei den Maßnahmen, die den momentanen Anstieg der Infektionszahlen eindämmen soll. Und Chaos erzeugt weitere Angst. Eine einheitliche Richtlinie, die da ansetzt, wo sie nutzt und nicht da, wo man glaubt, dass sie nutzen könnte, würde die Angst etwas eindämmen.

    Und die Angst wiederum unterstützt die Blockwartmentalität, den Egoismus und die Klopapierindustrie.

    Mit dem andauernden Blick auf die Infektionszahlen wird die Angst immer weiter vorangetrieben. Und die hysterische Gesellschaft treibt sich damit selbst vor sich her. Ein bisschen mehr Gelassenheit … nicht Leichtsinn … würde uns guttun.

    So … was hab ich sonst noch heute gemacht … geprobt. Für Auftritte die vielleicht nicht stattfinden. Hab ich davor Angst? Dann wäre ich schlecht beraten.


  4. Notwehrblog

    Oktober 21, 2020 by Gerd Normann

    Hallo,

    eigentlich wollte ich einen kleinen Überblick geben über die verschiedenen Programme, an denen ich gerade arbeite. Jetzt muss ich aber doch erst ein anderes Thema einschieben und zwar den Blog, den ich grad eröffnet habe und für den dieser Text gedacht ist. Es hat nämlich durchaus einige Reaktionen auf den ersten Text gegeben. Mit einer kurzen Schilderung der Notwehrsituation und dem Link zum Blog hatte ich einige mails verschickt, sowie ein paar  Facebookgruppen in denen ich bin mit einem Hinweis versehen. Schon kurz darauf kamen die ersten Antworten wie „lange nichts von dir gehört“, „wusste gar nicht, dass du schreiben kannst“ oder „gefällt mir“. Aber es waren auch welche dabei, die ihre eigene Situation schilderten. Es handelte sich dabei nicht nur um Künstlerkollegen, sondern auch um branchenferne Freiberufler und Soloselbstständige. Im Groben fühlten sich alle ähnlich einem Hirschkäfer, der auf dem Rücken liegt und nicht mehr auf die Beine kommen wird, wenn in Kürze niemand erscheint, um ihn umzudrehen. Da könnte man einwenden, wenn er lange genug zappelt und schaukelt, wird er es schon irgendwie schaffen. Ja, aber es muss erst existenzbedrohend werden, damit er die Kraft findet. Und die Kräfte findet man nur, wenn man eine Portion Wut in sich spürt. Und in diesem Stadium befinden sich gerade die meisten von uns. Aus allen Antworten sprach die gleiche Emotion: Frust und Wut. Und das Bedürfnis sich mitzuteilen ist der erste Schritt wieder auf die Beine zu kommen. Ein Kollege gab mir den Rat, den Blog auch für andere Autoren zu öffnen und auch die Kommentarmöglichkeit zuzulassen. Die hatte ich ja mit Absicht nicht zugelassen, um … na ja … es gibt halt sonne und sonne Kommentare, nicht wahr. Er glaubt, dass der Blog durchaus auf fruchtbaren Boden fallen könnte und durch andere Autoren und die Kommentarmöglichkeit eine größere Öffentlichkeit herzustellen sei. So könnte man die Wut und den Frust vielleicht bündeln und gemeinsam wieder auf die Beine kommen … und demjenigen, der einen umgeschmissen hat, mal auf die Finger klopfen.

    Darüber habe ich jetzt eine Nacht geschlafen und mich dazu entschlossen, seinen Rat zu befolgen. Das heißt, der Blog wird irgendwann eine eigene Internetpräsenz bekomme und nicht mehr auf meiner Seite zu finden sein. Er wird den Namen „Notwehrblog“ bekommen. Jetzt geht’s erstmal darum Autoren und Autorinnen zu finden … obwohl das momentan nicht allzu schwer sein dürfte. Bis es soweit ist, werde ich natürlich hier schön weiterschreiben und auch diesen Blog für Kommentare freigeben.

    Unsere Show „Der (ganz) Blaue Bock) am Samstag im Hasper Hammer in Hagen fällt wegen Corona aus. Ich habe aber Ersatz gefunden und zwar einen unbezahlten Auftritt in einem Berliner Hinterhof. So weit ist es schon gekommen, dass man nur noch heimlich in Hinterhöfen und vorgehaltenem Mundschutz spielen kann. Ansonsten geht’s mir gut, ich hoffe, euch auch. Bis dahin, Gerd.


  5. … und was machen Sie beruflich?

    Oktober 18, 2020 by Gerd Normann

    Hallo,

    dass ich hier jetzt anfange, einen Blog zu schreiben, mache ich nicht aus übersteigertem Geltungsbedürfnis oder Geschäftsinteresse, sondern aus Notwehr. Ich habe auch höchsten ein- oder zweimal in einen Blog reingelesen. Ein Blog gehört für mich zu der großen Blase aufgeblähter digitaler Plattformen wie Facebook und Twitter, die die Meinungen von Selbstdarstellern jedweder Couleur mit scheinbarer Öffentlichkeit auf Bedeutung trimmen.

    Es gibt 2 Gründe weshalb ich jetzt doch einen Blog schreibe und die oben erwähnte Notwehr spielt in jeden mit rein.

    Ich gehöre zu den etwa 2 Millionen Freiberuflern und Soloselbstständigen, die im Zuge der Coronapandemie bemerken mussten, dass sie in der Politik keine Lobby haben. Künstler werden, ohne mit der Wimper zu zucken in den Ruin oder in Hartz 4 abgeschoben. Die Arbeit der Künstler wird offensichtlich in den Entscheidungsgremien geringgeschätzt. Wie häufig hört man als Künstler nach einem zweistündigen Auftritt „… und was machen Sie beruflich?“ Besteht man darauf, dass das, was sie gerade auf der Bühne erlebt haben, der Beruf ist, erntet man ein mitleidiges Lächeln.

    Ich bezeichne mich als Bühnenkünstler, wobei ich Jahrzehnte benötigt habe, um mich überhaupt als Künstler einzuordnen. Ich war berufsbegleitend tätig und erst nachdem ich in meinem „Hobby“ mehr Einkommen hatte, als in meinem „Beruf“ habe ich mich getraut, die Berufsbezeichnung „Künstler“ für mich zu akquirieren. Doch wohl war mir dabei nicht, denn ich war ja „nur“ Kleinkünstler. Also war ich wieder raus. Denn Kleinkünstler sind Faxenmacher, Witzeerzähler, Kabarettisten, Comedians oder Puppenspieler. Narren am Hof des Königs und von seinem Großmut abhängig. Das scheint in vielen Köpfen auch im 21ten Jahrhundert noch herum zu spuken. Dieser Blog soll zeigen, wie die professionelle Arbeit eines Kleinkünstlers aussieht, mit welchen Widrigkeiten er zu kämpfen hat und weshalb es trotzdem der schönste Job auf der Welt ist.

    Der zweite Grund, weshalb ich diesen Blog schreibe, ist das Buch, das ich gerade gelesen habe. Der Tastenficker von Flake. Wem das jetzt nichts sagt, dem sei gesagt, das Flake der Keyboarder der deutschen Band Rammstein ist. Was das bedeutet, kann sich jeder ergoogeln. Nach anfänglicher Abneigung ist mir Flake nach etwa 60 Seiten sehr sympathisch geworden. Ich habe das Buch verschlungen. An einer Stelle schreibt er, dass er keine Westler mag, keine Kabarettisten und keine Liegeradfahrer. An anderer Stelle schreibt er, wie toll er Max Goldt und Helge Schneider findet. Die beides Musiker sind wie er, aber Westler und … auch wenn jetzt viele aufschreien werden … die auch kabarettistische bzw. kleinkünstlerische Einflüsse haben. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass selbst Flake kleinkünstlerisch-kabarettistische Einflüsse hat, dass er mit Texten und Musik eine Aussage treffen möchte. Vielleicht eine gesellschaftlich relevante oder eben nicht. Ich halte nichts von diesen Einteilungen der Bühnenkünstler in Musiker, Kabarettisten, Puppenspieler, Comedians o.ä. Jede einzelne dieser Personen betätigt sich künstlerisch. Meine Einteilung sieht anders aus. Ich teile es ein in gute und schlechte Bühnenkünstler. Flake hat wahrscheinlich einfach ein paar schlechte Bühnenkünstler gesehen, die sich als Kabarettisten ausgaben. Oder er hat welche gesehen, die wie er vor 30 Jahren, noch nicht so weit waren, um sich auf der Bühne richtig auszudrücken. Vielleicht sind die mittlerweile Topstars wie Helge Schneider.

    Auch meine Anfänge waren eher schlecht als irgendwas anderes. Mittlerweile schreibe ich mindestens ein Programm im Jahr, bin als Regisseur und Texter für andere Künstler tätig. Schreibe Bücher, mache Musik, leite eine Künstlervermittlung und veranstalte Shows.

     

    Dieser Blog ist der Versuch dem Beruf des Künstlers, in meinem Fall des Bühnenkünstlers, mehr Akzeptanz und Anerkennung zu verleihen. Ich werde in regelmäßigen Abständen von Auftritten, Proben, Textherstellung und Orientierungslosigkeit berichten. Ob diese Berichte dann auch gelesen werden, sei dahingestellt. Dann ist es kein Blog, sondern ein Tagebuch. Aber wie schon gesagt, ich halte nichts von irgendwelchen starren Einteilungen.