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Kalter Schlag

Kalter Schlag

Kalter Schlag

In einer lauen Sommernacht werden die Blumenbeete eines Strommanagers durch eine auf einen Anhänger montierte Windmaschine dem Erdboden gleichgemacht. Günter Griese, Versicherungsagent des Strommanagers ahnt nicht, dass dieses Ereignis den turbulentesten Tag seines Lebens heraufbeschwört. Als er und seine Lebensgefährtin Corinna auf der Fahrt nach Siegen einen außerplanmäßigen Halt in einer sauerländischen Kneipe einlegen müssen, überschlagen sich die Ereignisse. Er wird des Doppelmordes verdächtigt, macht Bekanntschaft mit seinem Schutzengel und glaubt sich auf der Fährte der Ökoterroristen, während Corinna mit großem Eifer an seiner Entlassung als Liebhaber arbeitet.

Preis 9,90 €

Leseprobe

Polizeimeister Becker und sein Kollege, Polizeihauptwachtmeister Bernd Trautmann, hatten es nicht eilig. Das andauernde Rumhängen auf der Wache machte hungrig und so steuerten sie zunächst eine Pommesbude an. Sollte es in der Kneipe momentan etwas rauer vor sich gehen – was durchaus im Bereich des Möglichen lag – so zogen sie eine Currywurst dem Handgemenge vor. Bevor sie wirklich einschritten, musste auch noch die Aussage der Zeugin aufgenommen werden. Nach einer leckeren Currywurst mit Pommes-Majo zockelten sie langsam weiter Richtung Nuttlar. Sie überquerten die Gleisanlagen und kontrollierten nebenbei die Kennzeichen der vor den anderen Dorfkneipen parkenden Autos.
Die Zeugin wohnte schräg gegenüber der Gaststätte „Zeche Elend“. Die beiden Beamten parkten ihren Streifenwagen auf dem Gehsteig und stiegen aus.
„Was ist das denn da?“
Polizeihauptwachtmeister Trautmann deutete auf den riesigen Berg Blumen und Trauerkränze, der inmitten der parkenden Autos in die Höhe wuchs.
„Keine Ahnung! Aber die aufmerksame alte Dame wird uns das sagen können. Die hat sicherlich nichts verpasst.“
Als sie den Kiesweg betraten, wurde das Licht im Flur eingeschaltet und die Tür öffnete sich. Ein älteres Ehepaar um die siebzig empfing sie in gediegener Abendgarderobe.
„Schönen guten Abend, Herr Wachtmeister“, wurden sie von der Dame des Hauses begrüßt.
Unruhig pendelte ihr Blick zwischen den beiden Polizisten. Vergeblich suchte sie in den Gesichtern einen Hinweis, wer denn der kompetentere und somit ihr Gesprächspartner sei.
„Polizeimeister Becker“, stellte sich der höhere Dienstgrad vor, „das ist Kollege Trautmann!“
Bernie nickte kurz, aber die Dame hatte ihn schon vergessen.
„Ich habe alles genau gesehen, Herr Wachtmeister“, sagte sie lobheischend.
Sie kramte einen Zettel hervor, auf dem sie sich Notizen gemacht hatte.
„Um einundzwanzig Uhr fünfundvierzig …“
„Lisbeth“, fuhr ihr Mann dazwischen, „lass die Herren Ordnungshüter doch erst mal reinkommen!“
„Ach, Gottchen, ja, Herr Wachtmeister. Kommen Sie erst mal in die gute Stube rein!“
Doch Polizeimeister Becker stand stocksteif. Alten Herrschaften in die gute Stube zu folgen, kam einer bewussten Verschleppung der Strafverfolgung gleich. Erst gab es Plätzchen oder Schnittchen, dann einen Kaffee oder einen Korn und zum Schluss wurde über die Kinder geklagt oder über die Nachbarn. Eine gute halbe Stunde konnte man auf diese Art und Weise schon mal totschlagen.
„Danke, Frau Kleinschmidt. Aber wir haben nicht so viel Zeit, Sie müssen verstehen.“
Das Ehepaar verstand.
„Vielleicht könnten Sie uns kurz sagen, was Sie denn gesehen haben.“
„Also“, Frau Kleinschmidt starrte auf ihren Zettel, „um einundzwanzig Uhr fünfundvierzig kam es zu einem Ehekrach.“
„Geschrien haben die“, erklärte Herr Kleinschmidt.
„Und Wörter sind da gefallen, sag ich Ihnen“, Frau Kleinschmidt schüttelte bestürzt den Kopf.
„Man konnte den Gottschalk gar nicht mehr verstehen“, beschrieb Herr Kleinschmidt seine akuten Ängste.
„Das lag aber daran, dass du den Fernseher leiser gedreht hast, Willi“, tadelte Frau Kleinschmidt ihren Mann.
„Ist gedroht worden? Oder gab es Tätlichkeiten?“, fragte Polizeimeister Becker.
„Ob gedroht worden ist? Sicher …“, sagte Frau Kleinschmidt.
„Nee, gedroht worden ist nicht. Die haben sich nur angeschrien“, fuhr Herr Kleinschmidt dazwischen.
„Was haben die denn so geschrien?“, fragte Polizeimeister Becker.
„Na alles. Von Terroristen haben sie gesprochen …“
„… und von ’nem Reh“, half Herr Kleinschmidt seiner Frau.
„Genau. Und so ’n normaler Krach halt.“
„Und was haben Sie sonst noch beobachtet?“
„Um zweiundzwanzig Uhr zwanzig zog der Mann von der Frau einen anderen Mann bei sich aus dem Auto raus und quer über die Straße in diesen Puff da rein.“
Frau Kleinschmidt machte eine abfällige Handbewegung Richtung gegenüberliegender Straßenseite. Herr Kleinschmidt nickte zustimmend. Polizeihauptwachtmeister Trautmann betrachtete gelangweilt den großen Berg Blumen auf der Straße.
„Das müssen Sie sich mal angucken. Das geht da zu wie im Taubenschlag. Da geht ’n Mädchen mit EINEM Mann rein und kommt mit ZWEI anderen raus. Das geht doch nicht. Wo sind wir denn?“
Frau Kleinschmidt redete sich in Fahrt.
„Herr Wachtmeister, das müssen Sie auch mal überprüfen. Und ein Krach machen die immer. Bis morgens früh um fünf. Und dann gehen die hier vorne zum Bäcker und kaufen sich frech Brötchen. Da könnte man doch wild werden. Sag doch auch mal was, Willi.“
Herr Kleinschmidt blickte verwirrt von einem zum anderen. Dann nickte er.
„Und ’ne Drogenhölle ist das auch!“
„Haben Sie dafür Beweise, Herr Kleinschmidt?“, fragte Polizeimeister Becker.
„Da braucht man doch keine Beweise für“, echauffierte sich Frau Kleinschmidt, „gucken Sie sich diese bleichen Jüngelchen doch mal an. Da ist doch nix dran. `n Strich in der Landschaft, mehr ist nicht. Und Ringe haben die unter den Augen, wie mein Willi auf der Hüfte. Ja, ist doch wahr.“
Polizeihauptwachtmeister Trautmann betrachtete gelangweilt Willis Hüfte.
„Was haben Sie denn sonst noch gesehen?“, fragte sein Kollege.
Frau Kleinschmidt studierte wieder ihren Zettel.
„Gegen dreiundzwanzig Uhr kam der Mann von der Frau wieder raus aus dem Puff. Er stellte sich neben sein Auto und weinte. Dann kam eine andere Frau und schlug ihm mit einem Gartenstuhl auf den Kopp. Dann hat sich die Frau hingesetzt …“
„Nee, nee“, warf Herr Kleinschmidt ein, „die ist auch umgefallen!“
„Nachher, Willi. Erst hat sie sich gesetzt. Und dann kamen so ganz komische Typen …“
„Einer sah aus wie unser Bundeskanzler!“
„Wie die Frau Merkel?“, hakte Polizeimeister Becker ungläubig nach.
„Nee“, sagte Herr Kleinschmidt, „wie … wie …?
„Der Schröder?“, glaubte Polizeimeister Becker die Lösung gefunden zu haben.
„Nee, nee“, meinte Herr Kleinschmidt, „wie … wie der Kohl.War er aber nicht. Der war nicht so wummich.“
Die Polizisten wechselten einen verblüfften Blick.
„Genau, Willi. Und einer sah aus wie unsere Nachtischlampe. Und der andere hätte Keckels Ötte aus dem Oberdorf sein können!“
„Auf jeden Fall hat die Frau die gesehen und ist dann umgefallen. Und dann haben die Typen das ganze Auto da vorne mit Blumen vollgepackt. Da Herr Wachtmeister, gucken Sie sich das mal an!“
Herr Kleinschmidt zeigte auf die große Blumenhalde. Polizeihauptwachtmeister Trautmann schaute auf Herrn Kleinschmidts Finger.
„Dann habe die die Frau auf den Anhänger geladen“, fuhr Herr Kleinschmidt fort, „und dann haben sie die abtransportiert!“
„Und der Mann, der niedergeschlagen worden ist, wo befindet der sich jetzt? Haben Sie das auch gesehen?“, fragte Polizeimeister Becker.
„Nee, wir sind ja dann ans Telefon!“
„Und dann haben wir uns umgezogen, wegen des Besuchs!“
„Ach, Sie bekommen noch Besuch?“, fragte Bernie.
„Nee, Sie sind ja schon da, Herr Wachtmeister“, sachte Frau Kleinschmidt.
„Ah ja. Dann danke ich Ihnen vielmals“, sagte Polizeimeister Becker erleichtert, „falls noch Fragen sind, melden wir uns bei Ihnen.“
Sie reichten den Kleinschmidts zum Abschied die Hände. Das Ehepaar versuchte, den Händedruck so lange wie möglich hinauszuzögern, damit die Nachbarn, die noch hinter den Gardinen ausharrten, in Zukunft ein wenig mehr Hochachtung an den Tag legen würden. Endlich konnten sich die Beamten freimachen und stürzten fluchtartig den Kiesweg zur Straße entlang.
Polizeihauptwachtmeister Trautmann schüttelte den Kopf.
„Die beiden sitzen doch den ganzen Abend am Fenster und starren auf die Straße. Die merken doch echt nix mehr! Bevor ich so ende, gebe ich mir ’ne Kugel!“
„Aber nicht mit der Dienstwaffe, Kollege“, sagte Polizeimeister Becker streng.

Bevor sich die beiden Beamten dem großen Berg Blumen näherten, erkundigten sie sich über Funk, ob nicht irgendetwas gegen diese Kleinschmidts vorläge. In den Blumen hockte derweil der wieder zu sich gekommene Günter und versuchte verzweifelt, aus dem Fenster zu gucken. Er vermutete zumindest, dass er das versuchte. Sein Tastsinn hatte ohne Zweifel die unmittelbare Umgebung als den Innenraum seines Mercedes identifiziert. Doch um ihn herum war nichts als gähnende Dunkelheit. Er rieb sich die Augen. Sein Kopf schmerzte. Was war passiert? Immerhin hörte er etwas. Ein dröhnendes Schnarchen in seiner direkten Nachbarschaft. Er schaltete die Innenbeleuchtung ein. Der helle Lichtschein ließ ihn blinzeln. Nachdem er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, blickte er sich um. Ein ekelhaft nach Urin und Erbrochenem stinkender Fettwanst kauerte, den Kopf auf das Lenkrad gebettet, auf dem Fahrersitz. Wer war das? Diese Frage löste eine Lawine von Folgefragen aus. Wo war er überhaupt? Was war vorgefallen? Wie spät war es? Wieso saß er in seinem Auto? Weshalb schmerzte sein Kopf? Er betaste seinen Hinterkopf und fand eine riesige Beule. Als seine Hand darüber fuhr, zuckte er unter dem Schmerz zusammen. Krampfhaft versuchte Günter, Ordnung in sein Oberstübchen zu bekommen, doch er erinnerte sich nicht mehr. Zwischen den beißenden Gerüchen, die vom Fahrersitz herüberwehten, glaubte Günter auch den modrigen Geruch von Erde auszumachen. Wieder warf er einen Blick aus dem Fenster. Aufrichtige Angst stieg in ihm hoch, denn hinter dem Fenster schien sich von feinen Wurzeln durchzogenes Erdreich zu befinden. Vermischt mit Stiefmütterchen, Lupinen, Nelken und Rosen. Er glaubte sogar die Form eines Kranzes ausmachen zu können. Er versuchte, dem Gesehenen eine logische Erklärung zu entlocken, doch wie er es auch drehte und wendete – er musste das Zeitliche gesegnet haben. Man hatte ihn in seinem Auto beerdigt. Wie aufmerksam. Doch wer war dieser ranzige Kerl auf dem Fahrersitz? Niemand aus der Verwandtschaft genoss das Anrecht, mit ihm zusammen in einem Doppelgrab bestattet zu werden. Waren denn die Friedhöfe heute schon so überbelegt, dass einem kurzerhand jemand mit in die Kiste gelegt wurde? Hatte man denn da überhaupt kein Mitspracherecht mehr? Immerhin musste man mit dieser Person die nächsten Jahre verbringen. Und das auf engstem Raum. Doch sollte er alleine unter die Erde gekommen sein, gab es eigentlich nur eine Möglichkeit. Der Einzige, der in diesem Stadium Zugang zu ihm haben konnte ,war sein Schutzengel. Mit einem Mal war Günter alles klar. Sein Schutzengel, der Idiot! Der Penner war sturzbesoffen und hatte seine Aufsichtspflicht verletzt. Der Schwachkopf! Wozu gab es Schutzengel, wenn sie nicht in der Lage waren, einen zu beschützen? Was war das für eine Arbeitsauffassung? Ausgerechnet er, Günter, hatte einen alkoholkranken Schutzengel. Typisch! Sein Leben war durch und durch verpfuscht. Verzweifelt starrte er auf das Handschuhfach. Darin lag eine geladene Pistole. Doch die half ihm jetzt auch nicht mehr weiter, er war ja schon tot. Sein ganzes Leben war eine Aneinanderreihung großartiger Fehlleistungen. Mit jedem seiner minutiös ausgeklügelten Erfolgsrezepte war er zielsicher in die nächste Sackgasse gerauscht. Jedes noch so kleine Anzeichen von Morgendämmerung hatte er mit Hurra in die Tonne gekloppt. Im Schnelldurchlauf zogen alle wichtigen Lebensstationen an ihm vorbei. Falls er eine erneute Chance erhalten sollte, würde er alles ganz anders machen. Besser, erfolgreicher. Doch wenn er besser und erfolgreicher wäre, dann wäre er nicht mehr Günter Griese. Er wäre jemand vollkommen anderes. Die Sache war mehr als problematisch. Er seufzte tief und sein Blick blieb auf dem Autoradio hängen. Ein rudimentärer Reflex zwang ihn, es anzustellen.

Und hier die neue Nummer eins in den Verkaufscharts. Deutschlands meistgekaufte Single der letzten Woche: Die Paderborner Band The Cry mitFuck me in my knee!‘. Und ab geht die Luzi!

Günter starrte entgeistert auf das Radio. Wieso funktionierte das Radio? Und die Innenbeleuchtung hätte auch nicht funktionieren dürfen. Hatten die ihn und das Auto inklusive Batterie beerdigt? Unwahrscheinlich, bei den Umweltschutzbestimmungen. Oder gab es im Himmel unnatürliche Phänomene, die elektrische Geräte mit Strom versorgten? Doch es war geradezu hypothetisch, dass dort ein irdisches Radioprogramm zu empfangen war. Nahezu unvorstellbar war, dass Engel und noch edlere Wesen The Cry hörten. Vielleicht war er gar nicht gestorben? Bestand noch Hoffnung? Er schaltete das Radio aus, da der daraus hervorquellende infernalische Krach eher aus den Tiefen der Hölle zu kommen schien. Gut, diese Möglichkeit musste er auch noch in Betracht ziehen. Aber was zur Hölle war passiert? Der Schlüssel zu seinen Erinnerungen hockte neben ihm auf dem Fahrersitz und stank entsetzlich. Günter zog den Mann hoch und schüttelte ihn ordentlich durch.
„He! Werd mal wach!“
Der Mann rülpste. Speichel rann ihm aus dem Mundwinkel. Günter schrie lauter und schüttelte fester und fester. Der Mann grunzte. Sein rechtes Lid öffnete sich einen Spalt breit.
„LeckmichamArsch“, nuschelte er und sackte wieder nach vorne aufs Lenkrad.
„Danke für die Einladung“, erwiderte Günter und schüttelte weiter.

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